Monatsarchiv: Oktober 2014

Der Berg der Götter oder: die Chapel-to-go

Götterchef Zeus und seine elf Mitstreiter hätten kaum eine bessere Wahl treffen können, als sie sich den Olymp (Όλυμπος) als Sitz ihrer Wohngemeinschaft auserkoren. Der Berg im griechischen Nordosten ist bei klarem Wetter zwar auch aus großer Entfernung zu erkennen und bleibt dennoch für die Sterblichen lange Zeit quasi unerreichbar (offizielle Erstbesteigung des Hauptgipfels erst 1913).
Somit erfüllt er zwei ganz zentrale Aspekte einer praktisch ausgelegten (heute würde man vielleicht sagen: einer anwenderorientierten) Religionsausübung. Zum einen muss die Göttlichkeit für den Gläubigen in irgendeiner Weise wahrnehmbar sein. Das ist beim Olymp nicht nur dadurch gegeben, dass er die höchste Erhebung der ganzen Region ist, sondern hier zeigt sich für jeden sichtbar das Wirken der Götter. Die Spitze der Bergkette ist über den Großteil des Jahres schneebedeckt – der Berg steht also meist wie ein Leuchtfeuer am Horizont – und wenn doch einmal schlechtes Wetter aufzieht, entladen sich die Gewitterwolken zuerst an den hohen Gipfeln – und Göttervater Zeus schleudert wieder einmal wütende Blitze. Trotz dieser offensichtlichen Präsenz des Göttlichen – und das ist der zweite Gesichtspunkt – besteht aber kein direkter Kontakt zwischen den Olympiern und denen, die an sie glauben, sondern es sind vermittelnde Personen (Priester) und Rituale (Opfergaben) nötig.

Die praktischen Auswirkungen dieses Faktors bestehen nun oberflächlich betrachtet natürlich darin, dass durch die Vertreter der Religion alle Bereiche einer Gesellschaft, sei es Politik, Wirtschaft, Sozialstruktur oder Kultur beeinflusst und angeleitet, oder negativ formuliert, manipuliert werden können. Ein genauerer Blick offenbart jedoch schnell – und dies gilt nicht nur für die Verhältnisse in der Zeit der griechischen Antike, sondern fast zu allen Zeiten -, dass das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft meist weitaus komplexer ist. So wirken die politischen Verhältnisse auf die religiösen Ansichten zurück oder bewirken soziale Veränderungen eine Anpassung der Glaubensstruktur. Auch hier waren die alten Griechen durchaus flexibel und praxisorientiert und entwickelten einfach parallel zur Welt der olympischen Götter ein zum Teil noch wirkungsmächtigeres Gebilde von kleinen und kleinsten Gottheiten, die althergebrachte und lokale  naturreligiöse Strukturen inkorporierten. Dies führte dazu, dass zwar nahezu jede Polis (πόλις) ihre eigene Götterwelt und religiöse Ausprägung entwickelte, der gemeinsame kulturelle Hintergrund jedoch erhalten blieb.[1]

Die Implementierung eines Glaubens in den Alltag, beispielsweise durch ritualisierte Gebete und regelmäßige Gottesdienste, oder auch jährlich wiederkehrende religiöse Feierlichkeiten ist ein entscheidender Punkt bei der Verankerung der Religion als zentraler Machtfaktor. Die Religion wird dann zum Maß aller Dinge, wenn sie – beispielsweise auf der zeitlichen Ebene – tatsächlich das Maß ist. Dies lässt sich an unzähligen Beispielen nachvollziehen. Der vierjährige Rhythmus der Olympiaden in der Antike oder die Anlehnung des bäuerlichen Jahresablaufs in Europa an die Festtage bestimmter christlicher Heiliger (was in den Bauernregeln dann wiederum verknüpft wurde mit den jeweiligen jahreszeitlichen Wetterphänomenen, wie etwa den so genannten Eisheiligen) wären hier zu nennen. Und selbst in unserer heutigen ach so ungläubigen und säkularen Zeit rettet sich die ganze westliche Industriegesellschaft über das harte Arbeitsjahr, um endlich in der heiligen Weihnachtszeit zur Ruhe kommen zu wollen (wobei die Weihnachtsrituale natürlich wiederum ein perfektes Beispiel für die Verknüpfung lokaler heidnischer Bräuche mit einer oktruierten „offiziellen“ Religion sind).

Ein letzter Gesichtspunkt, der noch kurz angerissen werden soll, ist die Einbindung der Religion in den privaten Rahmen. Öffentliche Feierlichkeiten und Gottesdienste sind die eine Seite, die tiefere Verwurzelung eines Glaubens zeigt sich jedoch erst dann, wenn dieser sich auch im häuslichen Umfeld zeigt. Auch hier herrscht zugegebenermaßen oftmals mehr Schein als Sein; die individuelle Gläubigkeit soll nämlich trotz ihrer Privatheit ebenfalls sichtbar und vor allem auch greifbar gemacht werden. Dieser haptische Aspekt äußert sich beispielsweise in den so genannten Herrgottswinkeln, die sich nach wie vor in Wohnräumen vieler gläubiger Katholiken, hauptsächlich im süddeutsch-österreichischen Raum, finden lassen. Eine Ecke der guten Stube bleibt dem Herrgott vorbehalten, zentral hier meist ein großes Kruzifix, das gerne von Heiligenbildern flankiert wird, davor eine Ablagefläche für allerlei Greifbares, seien es kunstvoll ausgearbeitete Rosenkränze oder Flakons mit geweihtem Wasser aus heiligen Quellen (Lourdes). Der Herrgottswinkel dient zum einen als Ort des privaten Gebetes, soll aber freilich auch eventuellen Besuchern den Grad der Gläubigkeit ihrer Gastgeber verdeutlichen.

Reinhard Unger: Herrgottswinkel, 01.11.2009 (http://fc-foto.de/19084577)

Reinhard Unger: Herrgottswinkel, 01.11.2009 (http://fc-foto.de/19084577)

Eine weitere Möglichkeit, sich einen häuslichen religiösen Fixpunkt zu verschaffen – ich nenne sie mal die „Chapel-to-go“ -, faszinierte mich kürzlich wiederum in Griechenland (und so schließt sich gewissermaßen der Kreis). Dort gibt es in fast jedem Baustoff- oder Gartenmarkt neben der erwartbaren Auswahl an Blumentöpfen und gemauerten Feuerstellen inzwischen ein reichhaltiges Sortiment an kleinen Kirchen und Kapellen zu bewundern. Deren Maße gehen von der byzantinisch angehauchten Kirchenminiatur in etwas mehr als Schuhkartongröße, die vorzugsweise auf einem Pfosten drapiert wird, bis zur begehbaren und mit mehreren Fenstern versehenen Hauskapelle-de-Luxe. Die optionalen Ausstattungsmerkmale sind vielfältig und reichen vom Kerzenhalter bis zum funktionalen Glockenturm.[2]

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Hauskapelle im Einfahrtsbereich eines griechischen Anwesens

Dies zeugt meiner Meinung nach von einer überaus praxisorientierten Religionsauffassung. Gläubige können sich nun ihren individuell angepassten Andachtsort kreieren, der zudem die bereits erwähnte representative Funktion übernehmen kann. So sieht man diese Kirchen, auch oft in der größeren Variante, in vielen Privatgärten, manchmal steht die Hauskapelle sogar unübersehbar direkt neben der Einfahrt. Diese Variante des Andachtsortes bleibt offenbar zudem nicht auf den privaten Rahmen beschränkt, so versicherten sich auch die Betreiber eines örtlichen Elektrizitätswerkes des göttlichen Beistands, indem sie eine doppeltürige Kapelle mit glänzender Glocke direkt neben dem Eingangsportal errichten ließen. Dass diese außerdem auf den im frühherbstlichen Dunst versteckten Olymp ausgerichtet worden war, mag aber Zufall gewesen sein.

[1] Price, S. R. F.: Religions of the ancient Greeks, Cambridge [u.a.] 2004.

[2] Inzwischen sind diese Bauwerke auch nördlich der Alpen erhältlich. Ein süddeutscher Anbieter liefert nach griechischem Vorbild in Fertigbauweise gefertigte Hauskapellen in mannigfaltiger Ausführung, optional sogar mit Heizung und Solaranlage ausgestattet (www.iremia-kapellen.de). Das Angebot findet – nach Aussage des Herstellers – auch jenseits des griechisch-orthodoxen Glaubensspektrums Anklang und wird vermehrt von katholischen und evangelischen Interessenten wahrgenommen.

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