Monatsarchiv: November 2014

Geschichte 2070 – Another byte in the dust? (Teil 1)

In Übungen zur Arbeit mit historischen Quellen stelle ich den Teilnehmern zur Einführung gerne einmal folgende kleine Denkaufgabe:

Stellen Sie sich vor, im Jahre 2070 möchte eine Historikerin Ihre heutigen Alltagsumstände nachzeichnen. Welche Quellen würden ihr zur Verfügung stehen und was für Probleme könnten dabei auftreten?

Dieses Szenario dient in erster Linie natürlich dazu, eine gewisse Sensibilität für historische Quellen und deren Charakteristika (Authentizität, Plausibilität, Tradierung, Relevanz) aus einer individuellen Perspektive zu wecken, führt aber zwangsläufig auch immer zu einer Diskussion über „neue“ Quellenarten, die durch die Etablierung der vernetzten digitalen Welt überhaupt erst entstanden sind. Das meint zum Beispiel E-Mails, SMS, Chats, Facebook-Einträge, Tweets, Instant Messenger Nachrichten etc., und diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen und wäre zudem fast täglich durch vermeintlich neue Varianten zu ergänzen.

Deshalb hier einige grundlegende Gedanken zur Wertigkeit und auch Verwertbarkeit solcher genuin digitaler Quellen für die heutige und künftige Geschichtswissenschaft. Die historische Zunft beschäftigt sich seit einiger Zeit und vermehrt in den letzten Jahren mit den Möglichkeiten von geschichtlicher Forschung und Darstellung in der digitalen Welt (eine simple Netzsuche nach dem Stichwort digital history offenbart über eine halbe Milliarde Treffer), konzentriert sich dabei aber fast ausschließlich auf die Digitalisierung vorhandener manifester Quellen, computerisierter Auswertung derselben oder auf das weite Feld der Geschichtsvermittlung mittels der so genannten neuen Medien (beispielsweise über Blogs, Online-Archive oder sogar via Twitter). Zwar finden auf einer übergreifenden Ebene auch Überlegungen und konkrete Anstrengungen zur Archivierung von öffentlichen Netzinhalten statt, diese schließen aber oben genannte (halb-)private Digitalia eben nicht ein. [1]

Archivierung und Tradierung

Gehen wir erneut von unserem eingangs skizzierten Szenario aus. Auf welchen Wegen könnte nun zum Beispiel dieser Blogeintrag seinen Weg auf den Schreibtisch (oder in den Computer oder die subcorticale Datenprojektion oder was auch immer, sagen wir vielleicht einfach in die Materialsammlung) künftiger Historiker kommen? Dass das Internet als aktuelle Ressource und damit auch eine direkt zugängliche physische Speicherung in heutiger Form dann noch existiert, ist wohl mehr als unwahrscheinlich. Was es noch geben könnte, sind vielleicht irgendwelche Backups von Server- oder Festplatteninhalten, die mit ein wenig Glück auch diese Ansammlung digitaler Informationen nicht nur gespeichert halten, sondern vor allem auch wieder aufrufen lassen.

Hier zeigt sich nämlich eine grundlegende Frage in Bezug auf diese Art von Informationen: Welche Möglichkeiten einer stabilen und dauerhaften Speicherung gibt es überhaupt? Heutige Technologien tragen nach wie vor den Makel einer – in historischen Dimensionen gesehen – bestenfalls mittelfristigen Haltbarkeit. So sind einige der erst vor einigen Jahren erstellten CD-ROMs – bei ihrer Markteinführung als dauerhafte Datenträger beworben -, teilweise bereits heute nicht mehr lesbar und auch Festplatten oder Flashspeichern wie USB-Sticks wird nur eine Lebensdauer von allerhöchstens 30 Jahren bei idealen Lagerbedingungen zugeschrieben. [2] Zum Problem der Haltbarkeit kommt bei vielen inzwischen ausrangierten Speichermedien dann oftmals noch der Punkt der passenden Hardware hinzu: Kaum einer hat heute beispielsweise noch ein Lesegerät für altehrwürdige 5,25″-Disketten oder kann dieses aufgrund fehlender Kompatibilität mit aktuellen Betriebssystemen nicht mehr verwenden. Um hier einem möglichen Einwand vorzugreifen: Sicherlich würde eine wissenschaftliche Forschungsinstitution eine ganz andere technische Ausstattung besitzen und schließlich ist es auch heute kein Problem, beispielsweise Tonwalzen des 19. Jahrhunderts über eigens dafür konstruierte Abspielgeräte (also mit einem gewissen Aufwand) auszulesen und direkt zu digitalisieren. In diesem Zusammenhang aber auch noch ein Gedanke zur Wechselwirkung zwischen Speicherung in digitaler oder in schriftlicher Form: So wird digitale Korrespondenz einerseits immer noch gerne parallel in Papierform abgelegt, zum Beispiel durch Ausdrucken von E-Mails, wodurch die Chancen einer längerfristigen Erhaltung grundsätzlich deutlich erhöht werden (obwohl sich hier natürlich praktisch gesehen dieselben Aufbewahrungsprobleme wie bei klassischen Dokumenten ergeben). Andererseits gehen viele Unternehmen und Behörden aber vermehrt dazu über, aus Kapazitätsgründen auch die laufende Papierkorrespondenz pauschal zu digitalisieren und nur noch diese Form der Information zu behalten, während die Dokumente zeitnah vernichtet werden.

Schließlich gibt es bei digitalen Daten noch eine weitere Hürde neben der physischen Lesbarkeit zu überwinden und diese betrifft schlicht die Verarbeitung der ausgelesenen Information, also einfacher gesagt, die Kompatibilität der Software. Ohne das richtige Programm oder die Möglichkeit einer sinnvollen Konvertierung sind viele Dateien entweder gar nicht oder nur mit großem Aufwand verwendbar. Man denke nur an die Vielzahl verschiedener Video-Codecs, die in den vergangenen Jahren auftraten und dann ganz schnell wieder verschwanden. Spielen dann noch Komprimierungs- oder sogar Verschlüsselungsverfahren eine Rolle, was ja inzwischen der Normalfall ist, kann die Dekodierung digitaler Daten zu einer hochkomplexen Angelegenheit werden. [3] Dieses Problem wäre künftig also vermutlich die Regel, während es bei analogen (auch schriftlichen) Quellen eher die Ausnahme ist (wenn zum Beispiel Codes oder Geheimsprachen verwendet wurden).

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wo unsere digitale Korrespondenz – außer auf unseren eigenen Endgeräten – konkret gespeichert ist, kommen wir zu einem weiteren Problemfeld, nämlich dem der unternehmensseitigen (oder auch der cloudbasierten) Speicherung. Die öffentliche Diskussion in diesem Zusammenhang betrifft vor allem Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte. Es fehlt bei einem großen Teil der persönlichen Daten und Kommunikation offensichtlich bereits jetzt eine tatsächliche Zugriffsmöglichkeit (die vor allem das Recht auf eine echte, also physische, Löschung von Daten beinhaltet) oder bei einer – inzwischen fast schon normalen – Unzahl verschiedener Accounts schlicht der Überblick. Nimmt man die Perspektive von Historikern der Zukunft hinzu, stellen sich noch weiter reichende Fragen: Wie dauerhaft und wie sicher speichern Unternehmen Nutzerdaten? Wie würde sich bei einer permanenten Speicherung (dem Horror der Datenschützer, aber langfristig vielleicht im Interesse der Forschung) ein künftiger Zugang für eine wissenschaftliche Auswertung ermöglichen lassen? Hier spielt dann, im Übrigen ebenfalls wie bei personenbezogenen schriftlichen Archivalien, bei denen es ja gewisse Sperrfristen gibt, die Wahrung der Persönlichkeitsrechte die entscheidende Rolle. Inwieweit liegen diese aber noch tatsächlich beim individuellen Nutzer oder wurden die Nutzungsrechte privater Informationen und Kommunikation bereits ganz oder teilweise einem Netzunternehmen übertragen? [4] Sind Angebote von Unternehmen überhaupt der richtige Weg, (private) Daten digital zu archivieren oder sollten damit stattdessen vielleicht unabhängige Institutionen, wie beispielsweise Stiftungen, betraut werden können (die es in diesem Sinne noch gar nicht gibt)? Und im Hinblick auf eine etwas längere Perspektive: Wie ließe sich ein digitaler Nachlass – außer auf persönlichen Datenträgern mit all ihren Tücken – sinnvoll organisieren und tradieren?

(Der zweite Teil dieses Beitrags zu den Aspekten Relevanz und Authentizität sowie Methoden und Perspektiven folgt in Kürze)

[1] Vgl. zum Beispiel das International Internet Preservation Consortium (IIPC) (http://netpreserve.org) oder das Internet Archive (https://archive.org/).

[2] Vgl. zum Beispiel http://www.netzwelt.de/news/75456-haltbarkeit-speichermedien-daten-richtig-liegen.html. Auch in diesem Bereich wird natürlich intensiv weiter geforscht, ob aber zum Beispiel die Millenial Disc („Engraved in Stone“), mit einer angeblichen Lebensdauer von bis zu 1000 Jahren tatsächlich der Durchbruch ist, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt wohl kaum sagen (vgl. http://www.mdisc.com ).

[3] Dieses Phänomen wird auch als Digital Dark Age bezeichnet (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Digital_dark_age, hier auch entsprechende Beispiele).

[4] Das beste Beispiel hierfür ist sicherlich die permanente Diskussion über die Nutzungsrichtlinien von Facebook (vgl. zum Beispiel http://www.socialmediarecht.de/2010/07/23/ein-paar-gedanken-zu-den-nutzungsbedingungen-von-facebook/).

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