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Geschichte 2070 – Another byte in the dust? (Teil 2)

Hatten wir uns im ersten Teil vor allem damit beschäftigt, wie digitale Informationen überhaupt dauerhaft und verwertbar gespeichert und weitergegeben werden können, soll es nun darum gehen, weshalb genuin digitale Quellen für die heutige und künftige Geschichtswissenschaft relevant sein können und wie sich dabei auch die methodische Herangehensweise anpassen muss.

Relevanz und Authentizität

In Hinblick auf die schier unüberschaubare Menge an digitalen Daten, die sekündlich produziert wird und deren Ausmaß in Zukunft höchstwahrscheinlich noch gewaltig zunehmen wird, stellt sich als weitere zentrale Frage die nach einer möglichen Auswahl der langfristig zu speichernden Informationen. Dies unterscheidet sich grundsätzlich zunächst nicht von der herkömmlichen Archivpraxis, bei der sich bereits ausgeklügelte Verfahren zur Bewertung der Relevanz von Archivalien herausgebildet haben. Trotzdem stellt man aber auch dabei immer wieder fest, dass die zur Beantwortung spezifischer Fragestellungen nötigen Dokumente schon lange der Kassation zum Opfer gefallen sind und keinerlei Abschriften oder Kopien mehr existieren. In der klassischen Archivstruktur ist eine Vorauswahl der aufzubewahrenden Materialien meist Kapazitätsgründen geschuldet, ein Problem, dass sich in Hinblick auf digitale Daten – wenn man die rapide technische Entwicklung von Speicherkapazität betrachtet – so vermutlich nicht mehr stellen wird. Hier fallen jedoch andere Faktoren ins Gewicht: Wie lassen sich bei einer Unzahl sich vielleicht sogar widersprechender Daten die relevanten Informationen extrahieren, wenn wirklich alles gespeichert wird und mehr oder minder gleichberechtigt nebeneinander steht? Wäre in diesem Zusammenhang eine wissenschaftliche Vorbewertung sinnvoll und nach welchen Kriterien und durch wen könnte dies geschehen?

Ein zentraler Aspekt bei der Bewertung digitaler Information ist zudem die Frage nach der Originalität der betrachteten Daten. Mit anderen Worten: Die Möglichkeiten der Fälschung und Manipulation von Digitalia sind in technischer Hinsicht fast unbegrenzt und durch klassische quellenkritische Methoden auch nur schwer aufzudecken. Allein die Frage nach der Urheberschaft digitaler Texte oder Bilder kann aufgrund der zum Teil vielfach vorhandenen verlustfreien Kopien nicht mehr eindeutig beantwortet werden. Die Option der Anonymisierung steht überdies in einem permanenten Gegensatz zu der überhand nehmenden personalisierten Verknüpfung in der digitalen Welt.

Als Beispiel dieser Ambivalenz – auch in Hinblick auf kommende Forschungsansätze – sei das so genannte webtracking genannt.[1] Dies ist bekanntlich eine vor allem von der Werbeindustrie goutierte Methode, über so genannte Cookies (also lokal gespeicherte Verknüpfungen, die einem bestimmten Nutzer zugeordnet werden können) Informationsmuster über individuelle Such- und Kommunikationsvorgänge zu erstellen, um dann darauf bezogen personalisierte Werbung anzubieten. Zwar verbessert dies sicherlich auch die Nutzerfreundlichkeit, jedoch lassen sich unter anderem durch Verknüpfung der Informationen verschiedener Geräte ohne weiteres Bewegungsprofile für aktive Netzbenutzer erstellen. Außer der wie immer grundsätzlichen Erwägung des Datenschutzes bleibt auch hier die Frage nach der Authentizität; die gesammelten Daten sind eben immer auf Geräte bezogen und nicht wirklich auf Personen, auch wenn diese im Normalfall sicherlich deckungsgleich sind. Interne und externe Manipulationsmöglichkeiten sind hierbei aber letztlich nie endgültig auszuschließen. Für künftige Geschichtsforscher könnten solche Datensammlungen jedoch eine unschätzbare Option bedeuten, sich über die konzeptionelle Entwicklung von Ideen oder die Entstehung bestimmter Gedankenstrukturen einer Person klar zu werden.

All diese Gesichtspunkte lassen digitale Quellen als zwar potentiell unglaublich aufschlussreich, praktisch jedoch mit (noch) viel zu vielen Fragezeichen versehen erscheinen. Nichtsdestotrotz ist es für die Geschichtswissenschaft aber unumgänglich, sich perspektivisch damit gründlich auseinanderzusetzen, da sich tatsächlich das Gleichgewicht zwischen klassischen und neuen Quellenarten bereits verschoben hat. Digitalia haben nicht nur an Relevanz gewonnen, sondern althergebrachte Medien zum Teil schon fast vollständig ersetzt. Private Korrespondenz in Briefform hat beispielsweise Seltenheitswert und Tagebücher werden zunehmend durch Blogs oder Online-Pinnwände (die ja sogar als persönliche Chronik tituliert werden) ersetzt. Interessanterweise zeigt sich inzwischen sogar die Tendenz, eines der ersten revolutionären „neuen“ Kommunikationsmedien nach und nach auszubooten. Anstatt den Kommunikationspartner einfach mal kurz anzurufen, wird lieber per Instant Messenger gechattet (wobei hier offenbar dann oftmals trotzdem noch telefoniert werden muss, um die im Chat aufgelaufenen Unklarheiten und Missverständnisse zu beseitigen). Vorausgesetzt, diese Chatkommunikation würde in irgendeiner Form gespeichert, wäre dies aus Historikersicht aber natürlich sogar aufschlussreicher, als die kaum mehr nachvollziehbare Kommunikation per Telefon.

Methoden und Perspektiven

Auch künftige Geschichtswissenschaftler werden höchstwahrscheinlich mit ähnlichen Erkenntnisperspektiven an historische Ereignisse herantreten, wie die heutigen. So kann man davon ausgehen, dass sowohl biographische oder personenzentrierte Forschung als auch strukturell angelegte Untersuchungsansätze vorhanden sein werden. Für beide Varianten halten die digitalen Quellen großes Potential bereit, vorausgesetzt, die Methodik wird dahingehend angepasst.

Digitale historische Arbeit ist ohne die Anwendung von Computern grundsätzlich nicht vorstellbar. Die Historikerin der Zukunft ist also ganz selbstverständlich auf die Hilfe von Rechenmaschinen angewiesen, um ihr Material zu suchen, es wieder aufrufen und lesbar zu machen (vgl. Teil 1), es zu analysieren und Querverbindungen herzustellen. Allein durch die elektronische Suche findet aber dann bereits eine Vorbewertung relevanter Quellen statt, die je nach Algorithmus der Suchfunktion eine mehr oder weniger große Verengung der Perspektive nach sich ziehen kann. Einfacher gesagt, und das ist eine Auffassung, die sich auch heutzutage bereits verbreitet beobachten lässt: Was der Computer nicht finden kann, existiert dann auch nicht. Der Rechner fungiert also quasi als pseudo-objektive, über allem stehende Bewertungsinstanz. Diese Problematik lässt sich aus genannten Gründen nicht umgehen, jedoch sollte sich der Digitalhistoriker ihrer immer bewusst bleiben.

Noch ein letzter grundlegender Gedanke: Unüberschaubare und unregelmäßig verknüpfte Datenmengen sind sicherlich das Paradebeispiel für ein hochkomplexes System. Um mit solchen Strukturen in größeren Zusammenhängen überhaupt vernünftig arbeiten zu können, muss eine (computergestützte) Komplexitätsreduktion, also eine auf konkreten und nachweisbaren Gesetzmäßigkeiten beruhende Vereinfachung bzw. Verallgemeinerung stattfinden.[2] Dies könnte durch Verknüpfung von mathematischen und geschichtswissenschaftlichen Ansätzen geschehen, was zum Beispiel im Bereich der so genannten cliodynamics (http://escholarship.org/uc/irows_cliodynamics) bereits heute praktiziert und vermutlich noch für überraschende Erkenntnisse sorgen wird. Die Anwendung von Elementen der System- oder Chaostheorie, mit Einschränkung vielleicht auch der Spieltheorie, werden in diesem Zusammenhang sicherlich für fruchtbare Anregungen sorgen.

[1] Vgl. zum Beispiel: http://irights.info/artikel/was-ist-und-wie-funktioniert-webtracking/23386

[2] Das Problem des Umgangs mit hochkomplexen Zusammenhängen in der Geschichte ist natürlich nicht neu, vgl. hierzu zum Beispiel Ludolf Herbst: Komplexität und Chaos. Grundzüge einer Theorie der Geschichte, München 2004. Auch wenn Verfahren zur Komplexitätsreduktion gerne theoretisch diskutiert und angeregt werden, stellt sich in der praktischen historischen Forschung bis dato aber eher noch das gegenteilige Problem: Unter anderem aufgrund von Überlieferungslücken lässt sich oftmals ein größerer zusammenhängender Quellenkorpus überhaupt nicht mehr rekonstruieren, das heißt, in diesen Fällen wäre also eigentlich eine Erhöhung der Komplexität das Mittel der Wahl. Ob und wie sich dies überhaupt bewerkstelligen ließe, hoffe ich bei Gelegenheit an anderer Stelle skizzieren zu können.

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Geschichte 2070 – Another byte in the dust? (Teil 1)

In Übungen zur Arbeit mit historischen Quellen stelle ich den Teilnehmern zur Einführung gerne einmal folgende kleine Denkaufgabe:

Stellen Sie sich vor, im Jahre 2070 möchte eine Historikerin Ihre heutigen Alltagsumstände nachzeichnen. Welche Quellen würden ihr zur Verfügung stehen und was für Probleme könnten dabei auftreten?

Dieses Szenario dient in erster Linie natürlich dazu, eine gewisse Sensibilität für historische Quellen und deren Charakteristika (Authentizität, Plausibilität, Tradierung, Relevanz) aus einer individuellen Perspektive zu wecken, führt aber zwangsläufig auch immer zu einer Diskussion über „neue“ Quellenarten, die durch die Etablierung der vernetzten digitalen Welt überhaupt erst entstanden sind. Das meint zum Beispiel E-Mails, SMS, Chats, Facebook-Einträge, Tweets, Instant Messenger Nachrichten etc., und diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen und wäre zudem fast täglich durch vermeintlich neue Varianten zu ergänzen.

Deshalb hier einige grundlegende Gedanken zur Wertigkeit und auch Verwertbarkeit solcher genuin digitaler Quellen für die heutige und künftige Geschichtswissenschaft. Die historische Zunft beschäftigt sich seit einiger Zeit und vermehrt in den letzten Jahren mit den Möglichkeiten von geschichtlicher Forschung und Darstellung in der digitalen Welt (eine simple Netzsuche nach dem Stichwort digital history offenbart über eine halbe Milliarde Treffer), konzentriert sich dabei aber fast ausschließlich auf die Digitalisierung vorhandener manifester Quellen, computerisierter Auswertung derselben oder auf das weite Feld der Geschichtsvermittlung mittels der so genannten neuen Medien (beispielsweise über Blogs, Online-Archive oder sogar via Twitter). Zwar finden auf einer übergreifenden Ebene auch Überlegungen und konkrete Anstrengungen zur Archivierung von öffentlichen Netzinhalten statt, diese schließen aber oben genannte (halb-)private Digitalia eben nicht ein. [1]

Archivierung und Tradierung

Gehen wir erneut von unserem eingangs skizzierten Szenario aus. Auf welchen Wegen könnte nun zum Beispiel dieser Blogeintrag seinen Weg auf den Schreibtisch (oder in den Computer oder die subcorticale Datenprojektion oder was auch immer, sagen wir vielleicht einfach in die Materialsammlung) künftiger Historiker kommen? Dass das Internet als aktuelle Ressource und damit auch eine direkt zugängliche physische Speicherung in heutiger Form dann noch existiert, ist wohl mehr als unwahrscheinlich. Was es noch geben könnte, sind vielleicht irgendwelche Backups von Server- oder Festplatteninhalten, die mit ein wenig Glück auch diese Ansammlung digitaler Informationen nicht nur gespeichert halten, sondern vor allem auch wieder aufrufen lassen.

Hier zeigt sich nämlich eine grundlegende Frage in Bezug auf diese Art von Informationen: Welche Möglichkeiten einer stabilen und dauerhaften Speicherung gibt es überhaupt? Heutige Technologien tragen nach wie vor den Makel einer – in historischen Dimensionen gesehen – bestenfalls mittelfristigen Haltbarkeit. So sind einige der erst vor einigen Jahren erstellten CD-ROMs – bei ihrer Markteinführung als dauerhafte Datenträger beworben -, teilweise bereits heute nicht mehr lesbar und auch Festplatten oder Flashspeichern wie USB-Sticks wird nur eine Lebensdauer von allerhöchstens 30 Jahren bei idealen Lagerbedingungen zugeschrieben. [2] Zum Problem der Haltbarkeit kommt bei vielen inzwischen ausrangierten Speichermedien dann oftmals noch der Punkt der passenden Hardware hinzu: Kaum einer hat heute beispielsweise noch ein Lesegerät für altehrwürdige 5,25″-Disketten oder kann dieses aufgrund fehlender Kompatibilität mit aktuellen Betriebssystemen nicht mehr verwenden. Um hier einem möglichen Einwand vorzugreifen: Sicherlich würde eine wissenschaftliche Forschungsinstitution eine ganz andere technische Ausstattung besitzen und schließlich ist es auch heute kein Problem, beispielsweise Tonwalzen des 19. Jahrhunderts über eigens dafür konstruierte Abspielgeräte (also mit einem gewissen Aufwand) auszulesen und direkt zu digitalisieren. In diesem Zusammenhang aber auch noch ein Gedanke zur Wechselwirkung zwischen Speicherung in digitaler oder in schriftlicher Form: So wird digitale Korrespondenz einerseits immer noch gerne parallel in Papierform abgelegt, zum Beispiel durch Ausdrucken von E-Mails, wodurch die Chancen einer längerfristigen Erhaltung grundsätzlich deutlich erhöht werden (obwohl sich hier natürlich praktisch gesehen dieselben Aufbewahrungsprobleme wie bei klassischen Dokumenten ergeben). Andererseits gehen viele Unternehmen und Behörden aber vermehrt dazu über, aus Kapazitätsgründen auch die laufende Papierkorrespondenz pauschal zu digitalisieren und nur noch diese Form der Information zu behalten, während die Dokumente zeitnah vernichtet werden.

Schließlich gibt es bei digitalen Daten noch eine weitere Hürde neben der physischen Lesbarkeit zu überwinden und diese betrifft schlicht die Verarbeitung der ausgelesenen Information, also einfacher gesagt, die Kompatibilität der Software. Ohne das richtige Programm oder die Möglichkeit einer sinnvollen Konvertierung sind viele Dateien entweder gar nicht oder nur mit großem Aufwand verwendbar. Man denke nur an die Vielzahl verschiedener Video-Codecs, die in den vergangenen Jahren auftraten und dann ganz schnell wieder verschwanden. Spielen dann noch Komprimierungs- oder sogar Verschlüsselungsverfahren eine Rolle, was ja inzwischen der Normalfall ist, kann die Dekodierung digitaler Daten zu einer hochkomplexen Angelegenheit werden. [3] Dieses Problem wäre künftig also vermutlich die Regel, während es bei analogen (auch schriftlichen) Quellen eher die Ausnahme ist (wenn zum Beispiel Codes oder Geheimsprachen verwendet wurden).

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wo unsere digitale Korrespondenz – außer auf unseren eigenen Endgeräten – konkret gespeichert ist, kommen wir zu einem weiteren Problemfeld, nämlich dem der unternehmensseitigen (oder auch der cloudbasierten) Speicherung. Die öffentliche Diskussion in diesem Zusammenhang betrifft vor allem Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte. Es fehlt bei einem großen Teil der persönlichen Daten und Kommunikation offensichtlich bereits jetzt eine tatsächliche Zugriffsmöglichkeit (die vor allem das Recht auf eine echte, also physische, Löschung von Daten beinhaltet) oder bei einer – inzwischen fast schon normalen – Unzahl verschiedener Accounts schlicht der Überblick. Nimmt man die Perspektive von Historikern der Zukunft hinzu, stellen sich noch weiter reichende Fragen: Wie dauerhaft und wie sicher speichern Unternehmen Nutzerdaten? Wie würde sich bei einer permanenten Speicherung (dem Horror der Datenschützer, aber langfristig vielleicht im Interesse der Forschung) ein künftiger Zugang für eine wissenschaftliche Auswertung ermöglichen lassen? Hier spielt dann, im Übrigen ebenfalls wie bei personenbezogenen schriftlichen Archivalien, bei denen es ja gewisse Sperrfristen gibt, die Wahrung der Persönlichkeitsrechte die entscheidende Rolle. Inwieweit liegen diese aber noch tatsächlich beim individuellen Nutzer oder wurden die Nutzungsrechte privater Informationen und Kommunikation bereits ganz oder teilweise einem Netzunternehmen übertragen? [4] Sind Angebote von Unternehmen überhaupt der richtige Weg, (private) Daten digital zu archivieren oder sollten damit stattdessen vielleicht unabhängige Institutionen, wie beispielsweise Stiftungen, betraut werden können (die es in diesem Sinne noch gar nicht gibt)? Und im Hinblick auf eine etwas längere Perspektive: Wie ließe sich ein digitaler Nachlass – außer auf persönlichen Datenträgern mit all ihren Tücken – sinnvoll organisieren und tradieren?

(Der zweite Teil dieses Beitrags zu den Aspekten Relevanz und Authentizität sowie Methoden und Perspektiven folgt in Kürze)

[1] Vgl. zum Beispiel das International Internet Preservation Consortium (IIPC) (http://netpreserve.org) oder das Internet Archive (https://archive.org/).

[2] Vgl. zum Beispiel http://www.netzwelt.de/news/75456-haltbarkeit-speichermedien-daten-richtig-liegen.html. Auch in diesem Bereich wird natürlich intensiv weiter geforscht, ob aber zum Beispiel die Millenial Disc („Engraved in Stone“), mit einer angeblichen Lebensdauer von bis zu 1000 Jahren tatsächlich der Durchbruch ist, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt wohl kaum sagen (vgl. http://www.mdisc.com ).

[3] Dieses Phänomen wird auch als Digital Dark Age bezeichnet (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Digital_dark_age, hier auch entsprechende Beispiele).

[4] Das beste Beispiel hierfür ist sicherlich die permanente Diskussion über die Nutzungsrichtlinien von Facebook (vgl. zum Beispiel http://www.socialmediarecht.de/2010/07/23/ein-paar-gedanken-zu-den-nutzungsbedingungen-von-facebook/).

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Der Berg der Götter oder: die Chapel-to-go

Götterchef Zeus und seine elf Mitstreiter hätten kaum eine bessere Wahl treffen können, als sie sich den Olymp (Όλυμπος) als Sitz ihrer Wohngemeinschaft auserkoren. Der Berg im griechischen Nordosten ist bei klarem Wetter zwar auch aus großer Entfernung zu erkennen und bleibt dennoch für die Sterblichen lange Zeit quasi unerreichbar (offizielle Erstbesteigung des Hauptgipfels erst 1913).
Somit erfüllt er zwei ganz zentrale Aspekte einer praktisch ausgelegten (heute würde man vielleicht sagen: einer anwenderorientierten) Religionsausübung. Zum einen muss die Göttlichkeit für den Gläubigen in irgendeiner Weise wahrnehmbar sein. Das ist beim Olymp nicht nur dadurch gegeben, dass er die höchste Erhebung der ganzen Region ist, sondern hier zeigt sich für jeden sichtbar das Wirken der Götter. Die Spitze der Bergkette ist über den Großteil des Jahres schneebedeckt – der Berg steht also meist wie ein Leuchtfeuer am Horizont – und wenn doch einmal schlechtes Wetter aufzieht, entladen sich die Gewitterwolken zuerst an den hohen Gipfeln – und Göttervater Zeus schleudert wieder einmal wütende Blitze. Trotz dieser offensichtlichen Präsenz des Göttlichen – und das ist der zweite Gesichtspunkt – besteht aber kein direkter Kontakt zwischen den Olympiern und denen, die an sie glauben, sondern es sind vermittelnde Personen (Priester) und Rituale (Opfergaben) nötig.

Die praktischen Auswirkungen dieses Faktors bestehen nun oberflächlich betrachtet natürlich darin, dass durch die Vertreter der Religion alle Bereiche einer Gesellschaft, sei es Politik, Wirtschaft, Sozialstruktur oder Kultur beeinflusst und angeleitet, oder negativ formuliert, manipuliert werden können. Ein genauerer Blick offenbart jedoch schnell – und dies gilt nicht nur für die Verhältnisse in der Zeit der griechischen Antike, sondern fast zu allen Zeiten -, dass das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft meist weitaus komplexer ist. So wirken die politischen Verhältnisse auf die religiösen Ansichten zurück oder bewirken soziale Veränderungen eine Anpassung der Glaubensstruktur. Auch hier waren die alten Griechen durchaus flexibel und praxisorientiert und entwickelten einfach parallel zur Welt der olympischen Götter ein zum Teil noch wirkungsmächtigeres Gebilde von kleinen und kleinsten Gottheiten, die althergebrachte und lokale  naturreligiöse Strukturen inkorporierten. Dies führte dazu, dass zwar nahezu jede Polis (πόλις) ihre eigene Götterwelt und religiöse Ausprägung entwickelte, der gemeinsame kulturelle Hintergrund jedoch erhalten blieb.[1]

Die Implementierung eines Glaubens in den Alltag, beispielsweise durch ritualisierte Gebete und regelmäßige Gottesdienste, oder auch jährlich wiederkehrende religiöse Feierlichkeiten ist ein entscheidender Punkt bei der Verankerung der Religion als zentraler Machtfaktor. Die Religion wird dann zum Maß aller Dinge, wenn sie – beispielsweise auf der zeitlichen Ebene – tatsächlich das Maß ist. Dies lässt sich an unzähligen Beispielen nachvollziehen. Der vierjährige Rhythmus der Olympiaden in der Antike oder die Anlehnung des bäuerlichen Jahresablaufs in Europa an die Festtage bestimmter christlicher Heiliger (was in den Bauernregeln dann wiederum verknüpft wurde mit den jeweiligen jahreszeitlichen Wetterphänomenen, wie etwa den so genannten Eisheiligen) wären hier zu nennen. Und selbst in unserer heutigen ach so ungläubigen und säkularen Zeit rettet sich die ganze westliche Industriegesellschaft über das harte Arbeitsjahr, um endlich in der heiligen Weihnachtszeit zur Ruhe kommen zu wollen (wobei die Weihnachtsrituale natürlich wiederum ein perfektes Beispiel für die Verknüpfung lokaler heidnischer Bräuche mit einer oktruierten „offiziellen“ Religion sind).

Ein letzter Gesichtspunkt, der noch kurz angerissen werden soll, ist die Einbindung der Religion in den privaten Rahmen. Öffentliche Feierlichkeiten und Gottesdienste sind die eine Seite, die tiefere Verwurzelung eines Glaubens zeigt sich jedoch erst dann, wenn dieser sich auch im häuslichen Umfeld zeigt. Auch hier herrscht zugegebenermaßen oftmals mehr Schein als Sein; die individuelle Gläubigkeit soll nämlich trotz ihrer Privatheit ebenfalls sichtbar und vor allem auch greifbar gemacht werden. Dieser haptische Aspekt äußert sich beispielsweise in den so genannten Herrgottswinkeln, die sich nach wie vor in Wohnräumen vieler gläubiger Katholiken, hauptsächlich im süddeutsch-österreichischen Raum, finden lassen. Eine Ecke der guten Stube bleibt dem Herrgott vorbehalten, zentral hier meist ein großes Kruzifix, das gerne von Heiligenbildern flankiert wird, davor eine Ablagefläche für allerlei Greifbares, seien es kunstvoll ausgearbeitete Rosenkränze oder Flakons mit geweihtem Wasser aus heiligen Quellen (Lourdes). Der Herrgottswinkel dient zum einen als Ort des privaten Gebetes, soll aber freilich auch eventuellen Besuchern den Grad der Gläubigkeit ihrer Gastgeber verdeutlichen.

Reinhard Unger: Herrgottswinkel, 01.11.2009 (http://fc-foto.de/19084577)

Reinhard Unger: Herrgottswinkel, 01.11.2009 (http://fc-foto.de/19084577)

Eine weitere Möglichkeit, sich einen häuslichen religiösen Fixpunkt zu verschaffen – ich nenne sie mal die „Chapel-to-go“ -, faszinierte mich kürzlich wiederum in Griechenland (und so schließt sich gewissermaßen der Kreis). Dort gibt es in fast jedem Baustoff- oder Gartenmarkt neben der erwartbaren Auswahl an Blumentöpfen und gemauerten Feuerstellen inzwischen ein reichhaltiges Sortiment an kleinen Kirchen und Kapellen zu bewundern. Deren Maße gehen von der byzantinisch angehauchten Kirchenminiatur in etwas mehr als Schuhkartongröße, die vorzugsweise auf einem Pfosten drapiert wird, bis zur begehbaren und mit mehreren Fenstern versehenen Hauskapelle-de-Luxe. Die optionalen Ausstattungsmerkmale sind vielfältig und reichen vom Kerzenhalter bis zum funktionalen Glockenturm.[2]

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Hauskapelle im Einfahrtsbereich eines griechischen Anwesens

Dies zeugt meiner Meinung nach von einer überaus praxisorientierten Religionsauffassung. Gläubige können sich nun ihren individuell angepassten Andachtsort kreieren, der zudem die bereits erwähnte representative Funktion übernehmen kann. So sieht man diese Kirchen, auch oft in der größeren Variante, in vielen Privatgärten, manchmal steht die Hauskapelle sogar unübersehbar direkt neben der Einfahrt. Diese Variante des Andachtsortes bleibt offenbar zudem nicht auf den privaten Rahmen beschränkt, so versicherten sich auch die Betreiber eines örtlichen Elektrizitätswerkes des göttlichen Beistands, indem sie eine doppeltürige Kapelle mit glänzender Glocke direkt neben dem Eingangsportal errichten ließen. Dass diese außerdem auf den im frühherbstlichen Dunst versteckten Olymp ausgerichtet worden war, mag aber Zufall gewesen sein.

[1] Price, S. R. F.: Religions of the ancient Greeks, Cambridge [u.a.] 2004.

[2] Inzwischen sind diese Bauwerke auch nördlich der Alpen erhältlich. Ein süddeutscher Anbieter liefert nach griechischem Vorbild in Fertigbauweise gefertigte Hauskapellen in mannigfaltiger Ausführung, optional sogar mit Heizung und Solaranlage ausgestattet (www.iremia-kapellen.de). Das Angebot findet – nach Aussage des Herstellers – auch jenseits des griechisch-orthodoxen Glaubensspektrums Anklang und wird vermehrt von katholischen und evangelischen Interessenten wahrgenommen.

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Früher..

…war alles besser? Natürlich nicht! Aber früher war vieles anders? Vielleicht.. Früher wiederholt sich nicht? Oder doch? Oder nur in ganz bestimmten, nicht klar zu definierenden, aber definitiv isolierten Teilaspekten? Ich weiß es nicht…

Wichtig ist jedoch: Früher existiert nur heute, nur genau jetzt und hier…es kann sinnvoll weder in der Vergangenheit (paradoxerweise) noch in der Zukunft verortet werden. Anders gesagt: Unsere Vorstellung von der Geschichte ändert sich permanent, sie wird in jedem Augenblick sowohl kollektiv als auch individuell geschaffen, zerstört, angepasst, bestätigt, widerlegt, manipuliert usw…

Und genau das ist es, womit sich die Geschichtswissenschaft letztlich beschäftigt: Wie kann trotz des andauernden Wandels in unserem Blick auf die Vergangenheit eine zumindest intersubjektiv überprüfbare (das musste jetzt sein) Einschätzung historischer Ereignisse oder sogar ein allgemeingültiges (und in der Realität nicht endgültig erreichbares) Bild dieses ominösen Früher erschaffen werden?

Ich möchte an dieser Stelle nun in unregelmäßigen Abständen auf in meinen Augen (und für meine Ohren) interessante Aspekte oder Überbleibsel (man könnte auch sagen: auf Quellen) von Früher aufmerksam machen, die mir im Zuge meiner Beschäftigung mit der Historie begegnen. Ganz bewusst nehme ich hier keine thematische Eingrenzung vor; schließlich beschäftigt man sich nicht nur mit seinen professionellen Forschungsfeldern oder mit den Themen der Lehrveranstaltungen (obwohl diese natürlich immer fruchtbare Anregungen liefern), sondern kann der Vergangenheit auch im Alltag nicht entfliehen. Aber hatten wir das nicht auch schon früher festgestellt…?

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